AUF DEN SPUREN MARTIN LUTHERS UND DER REFORMATION

 


Bildungsreise der Ostschweizer Gehörlosengemeinden in den Osten Deutschland

Anlässlich des 500-Jahre-Reformationsjubiläum luden die evangelisch-reformierte und die katholische Gehörlosengemeinde der Ostschweiz zu einer viertägigen Bildungsreise an die Wirkungsorte Martin Luthers. Die Reise entpuppte sich dabei als weit mehr als ein ‚Wandeln auf den Spuren des berühmten Reformators‘ – sie führte in einen einstmals wichtigen und prägenden Kulturraum des zentralen christlichen Abendlandes.

Als die Reisegruppe Ende Juni nach Erfurt aufbrach, konnte keiner der Teilnehmenden viel mit dem Namen der Stadt oder des Bundeslandes Thüringen anfangen: irgendeine unbedeutende Kleinstadt eben, im abgelegenen Osten Deutschlands… Umso grösser war das Erstaunen, sich in einer schmucken Kleinstadt wiederzufinden mit gut erhaltener mittelalterlicher Stadtstruktur, prächtigen Bürgerhäusern, einem kunstvollen gotischen Dom und einer bebauten Krämerbrücke, die den Vergleich mit dem Ponte Vecchio in Florenz nicht zu scheuen braucht. Wieso die Stadt im Mittelalter zu Reichtum und Bedeutung gelangte, erfuhr die Reisegruppe auf einem Stadtrundgang. Zum einen lag diese nämlich am Knotenpunkt zweier wichtiger Handelsstrassen. Hier kreuzten sich die Strassen, welche den Osten mit dem Westen und den Norden mit dem Süden Europas verbanden. Zum andern wuchs im Boden rund um Erfurt eine Färberpflanze, die nur an wenigen Orten gedieh und bis in die Neuzeit hinein die einzige Möglichkeit war, Stoffe blau zu färben. Der Handel mit diesem Farbstoff machte Erfurt reich.

Martin Luther kam auf Wunsch seines Vaters zum Studium der freien Künste und der Rechtswissenschaften nach Erfurt. Die Lutherreisenden besuchten dort die Georgenburse, sozusagen das Studentenheim, in dem Luther ein Zimmer bezog. Ein weiterer Besichtigungspunkt war das Kloster der Augustinereremiten. Denn dort bat Luther um Aufnahme, nachdem er auf einer Reise von einem schweren Gewitter überrascht wurde und gelobte, Mönch zu werden, sollte er das Gewitter überleben.

Ein Tagesausflug führte nach Eisenach, welches aus zwei Gründen für die Reisenden auf Luthers Spuren interessant war. Luther verbrachte dort als Jugendlicher einige Schuljahre und fand später in der nahe gelegenen Wartburg Zuflucht, als die Reichsacht über ihn verhängt wurde. Dass das Städtchen einst auch noch andere Berühmtheiten beherbergt hatte, erfuhr die Reisegruppe auf einem Stadtrundgang. Johann Sebastian Bach verbrachte einige Jahre hier und auf der Wartburg lebte Elisabeth von Thüringen, die wohl populärste Heilige des Mittelalters. Dank des Luther-Jubiläumsjahres gab es auf der Wartburg nicht nur die Schreibstube zu besichtigen, in der Luther das Neue Testament in Deutsch übersetzte, sondern auch eine sehr dichte Ausstellung zu Luther und der Wirkungsgeschichte der Reformation.

Den letzten Tag verbrachten die Reisenden in Wittenberg, sozusagen einem „Luther-Kristallisationspunkt“. Auf einer Achse von einem knappen km Länge finden sich dort die bedeutendsten Lebens-und Wirkungsstätten Luthers: im Osten das Kloster, in dem er als Mönch und Theologiestudent lebte und das später das Haus seiner Familie wurde, im Westen die Schlosskirche, in der Luther begraben liegt. Eine bronzene „Thesentür“ aus dem 19. Jahrhundert erinnert dort an die 95 Thesen, deren Disput die Geschehnisse der Reformation in Gang setzte. Dazwischen liegen die ehemalige Universität, an der Luther studierte, die Wohnhäuser seiner reformatorischen Mitstreiter und die Stadtkirche Sankt Marien, in welcher Luther gut 2000 Mal predigte.

Mit einer Fülle von Eindrücken, Bildern und Informationen brach die Reisegruppe am späten Nachmittag nach Berlin auf, um von dort aus – nach einem kurzen Abstecher in die Innenstadt – in die Schweiz zurückzukehren. Eine Erkenntnis hatte die Reise im ‚Wirkungsfeld‘ Luthers für sie in besonderer Weise zutage gebracht: Mit Ausnahme einer frühen Reise nach Rom verbrachte Luther sein ganzes Leben auf geografisch sehr engem Raum. Wie war es also möglich, dass die Wirkung seines Denkens und Tuns ganz Europa erfasste und veränderte? Da war zum einen der jüngst erfundene Buchdruck, der es erlaubte, das Gedankengut Luthers und seiner Mitstreiter schnell und in grossen Mengen zu verbreiten. Auch der geniale wie geschäftstüchtige Maler Lucas Cranach, spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mit seinen Mitarbeitern stellte er unzählige Portraits Luther her und übertrug dessen Gedankengut in eindrückliche Bilder. Damit wurde er zum Propagandisten der Reformation, sozusagen zum Facebook-Vorläufer. Vor allem aber verfügte Luther über eine Kurfürsten, Friedrich „den Weisen“, der ihm den Rücken freihielt und allem kaiserlichen und päpstlichen Druck widerstand, „das unverschämte Mönchlein“ fallen zu lassen. Dies nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil Luthers Kritik am Ablasshandel, sich mit den fürstlichen Interessen traf, nicht so viel Geld aus dem Norden nach Rom abfliessen zu lassen. So hatte Martin Luther eben auch jenes Quäntchen Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein. Ein Glück, das Jan Hus 100 Jahre vor ihm nicht hatte. Mit ähnlicher Kritik und berechtigten Reformanliegen endete jener damals auf dem Scheiterhaufen.

Dorothee Buschor Brunner